Flüchtlingscamps im Nordirak während der Corona-Pandemie: Psychosoziale Belastung ist besorgniserregend

Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan, Fachleiter der transkulturellen psychosomatischen Rehabilitation an der MEDICLIN Klinik am Vogelsang, über die Lage vor Ort

 

Die MEDICLIN Klinik am Vogelsang in Donaueschingen unterstützt zwei Studierende in ihrer Master-Ausbildung als Psychotherapeuten und Psychotraumatologen am Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie (IPP) an der Universität Dohuk im Nordirak. Die aktuelle Situation in der COVID-19 Pandemie ist für die Studierenden, die während ihrer Ausbildung traumatisierte Menschen in den Flüchtlingscamps behandeln, sehr schwierig. Mit einer Online-Plattform sollen die psychosozialen Belastungen, die infolge der COVID-19 Pandemie auftreten, durch ein Informations- und Beratungsangebot reduziert werden.

Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan, Fachleiter der transkulturellen psychosomatischen Rehabilitation an der MEDICLIN Klinik am Vogelsang und Dekan des Instituts für Psychotherapie und Psychotraumatologie an der Universität in Dohuk/Nordirak, berichtet von der Situation vor Ort.

Herr Kizilhan, wie kommen die Studierenden in der Corona-Krise zurecht?

Die Universitäten sind – wie bei uns – auch in Dohuk geschlossen. Die Prüfungen wurden verschoben. Die Lehre erfolgt über E-Learning Portale. Die Studierenden sollen nun eigentlich ihr Praktikum in den Flüchtlingscamps ableisten. Die beiden Studierenden, die wir von der MEDICLIN Klinik am Vogelsang mit einem Stipendium unterstützen, arbeiten für das Camp Mamraschan und Esyan. Sie können nur beschränkt, mit Genehmigung, direkt zu schwer traumatisierten Menschen im Camp gehen, um sie zu behandeln.

Die Flüchtlingscamps sind bedingt durch die COVID-19 Pandemie geschlossen. Wie können die Menschen unterstützt, beziehungsweise wie kann ihnen geholfen werden?

Die Lage ist sehr schwierig. Das Betreten und Verlassen der Camps ist nur in Ausnahmefällen gestattet. Unsere Studierenden halten über Smartphones Kontakt. Diese Erreichbarkeit ist sehr wichtig. Bei den Patienten handelt es sich vor allem um Frauen und Kinder, die in den Händen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) waren und teilweise schwer traumatisiert sind. Nun werden sie auch noch mit diesen Ängsten konfrontiert. Das verstärkt die vorhandene Traumafolgestörung. Über Smartphones können die Therapeuten mit den Betroffenen regelmäßig Kontakt halten. Unsere Sorge wird verstärkt durch die schlechten Bedingungen in den Camps. In den Zelten leben acht bis zehn Menschen auf engstem Raum. Physische und soziale Distanz ist nicht einzuhalten. Teilweise ist es in den Zelten über 40 Grad heiß und die Klimaanlagen funktionieren nicht. Die Wasserversorgung sowie die hygienischen Verhältnisse sind mangelhaft. Ein Lichtblick ist, dass die Menschen gut mit  Lebensmitteln versorgt werden können.

Diese Lage ist sehr besorgniserregend. Was passiert, wenn in den Camps die Krankheit ausbricht? In den Camps leben ja zum Teil 8.000, im größten Camp sogar 28.000 Menschen.

Bricht in den Camps die Krankheit flächendeckend aus, wird es aus heutiger Sicht keine Möglichkeit geben, den Menschen zu helfen, da zu wenige Krankenhäuser verfügbar sind. Von daher sind die strengen momentanen Restriktionen richtig und auch wichtig, wobei unsere therapeutische Arbeit natürlich sehr leidet. Um die Menschen in dieser Situation bestmöglich unterstützen zu können und Prävention zu betreiben, haben Studierende und ich im Team 15 Videoclips mit wissenschaftlich fundierten Informationen zu unterschiedlichen Themen gedreht und diese direkt an unsere Patienten geschickt. Bei den Videoclips, die in Themenblöcke kategorisiert sind, handelt es sich beispielsweise um Themen wie: Was ist Corona? Wie kann ich mich schützen? Was ist, wenn ich Angst habe oder an Schlafstörungen leide?
Zudem haben wir auch eine Chatplattform für individuelle Fragen eingerichtet, auf der wir innerhalb von 24 Stunden die Anliegen beantworten.

Im Team haben wir ebenfalls eine Online-Plattform erstellt, die derzeit in deutscher Sprache  abrufbar ist. Ab nächster Woche werden wir dann eine kurdischsprachige Plattform anbieten. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, alles schnell fertigzustellen, damit wir die Menschen vor Ort unterstützen können.

Ist die Online-Plattform nur für die Menschen in den Flüchtlingscamps nutzbar?

Nein, mit der Online-Plattform möchten wir auch die kurdische Bevölkerung im Nordirak ansprechen. Über das IPP (Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie) an der Universität Dohuk sind wir mit der nordirakischen Provinz Dohuk eng vernetzt. In der Region sind bislang kaum Informationen zu COVID-19 im Umlauf, ganz zu Schweigen in kurdischer Sprache, weshalb wir auch hier medial aufbereitete Unterstützungsangebote bereitstellen möchten. Erst gestern habe ich von einem Studierenden, der für eine NGO (Nichtregierungsorganisation) arbeitet, auf unserer Chatplattform eine Anfrage erhalten. Er war 40 Tage in Quarantäne. In der sozialen Isolierung hat er schwer gelitten und leidet nun an Depressionen. Er fragt an, ob ich ihm helfen könne.

Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg unterstützt uns finanziell in unserem Projekt. Dohuk/Nordirak ist Partnerregion des Landes Baden-Württemberg. Für diese Unterstützung sind wir sehr dankbar. Wir wollen alles versuchen, die Menschen im Nordirak und den Flüchtlingscamps in dieser ausweglos erscheinenden Situation zu unterstützen und ihnen zu helfen.

Herr Kizilhan, vielen Dank für das Interview.

Die Online-Plattform in Deutsch ist abrufbar unter www.psychisch-sozial-gesund.de .

Das Interview führte Ulrike Hettich-Wittmann, Marketing – MEDICLIN Klinik am Vogelsang.

Pressekontakt
Ulrike Hettich-Wittmann
MEDICLIN Klinik am Vogelsang
Alte Wolterdinger Str. 68
78166 Donaueschingen
Telefon +49 771 851-0
Ulrike.Hettich-Wittmann@mediclin.de
www.klinik-am-vogelsang.de



 

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Zur Person
Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan
Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan ist Fachleiter der transkulturellen, psychosomatischen Abteilung an der MEDICLIN Klinik am Vogelsang in Donaueschingen. In der Rehabilitationsbehandlung werden Behandlungsgespräche in der Muttersprache der Patienten durchgeführt. Kizilhan ist ein international anerkannter und gefragter Experte für transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Professor an der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen und Leiter des dort ansässigen Instituts für transkulturelle Gesundheitsforschung. Unter Federführung des Wissenschaftsministeriums Baden-Württembergs gründete Kizilhan im Irak ein Institut für Psychiatrie und Psychotraumatologie. Auf dem Gebiet der Psychotraumatologie, Gewaltforschung, transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie forscht Kizilhan seit 20 Jahren und hat international zahlreiche Studien sowie Literatur veröffentlicht. Für seine Arbeit wurde Kizilhan mehrfach ausgezeichnet. Er tritt als Gutachter für Gerichte und internationale Organisationen auf wurde im Januar 2015 von der Landesregierung beauftragt, 1.000 traumatisierte Frauen und ihre Kinder nach Baden-Württemberg zu holen.

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Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie an der Universität Dohuk
Seit 2017 werden Psychotherapeuten an der Universität Dohuk im Nordirak in dem Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie im Rahmen eines von den Projektpartnern neu konzipierten Masterstudiengangs (Master of Arts in Psychotherapy and Psychotraumatology) ausgebildet. Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan, Leiter der transkulturellen psychosomatischen Rehabilitation an der MEDICLIN Klinik am Vogelsang, ist Dekan des Instituts. Ziel ist, dass diese Psychotherapeuten dann im Irak eine verbesserte Versorgung traumatisierter Geflüchteter in Kliniken, Betreuungseinrichtungen und in den Camps des Landes gewährleisten können. Die Dozenten kommen aus Deutschland, Schweden und dem Irak. Sie arbeiten in den Praxisphasen unter anderem in 14 Flüchtlingscamps und im psychiatrischen Krankenhaus.

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Über die MEDICLIN Klinik am Vogelsang

Die MEDICLIN Klinik am Vogelsang in Donaueschingen ist eine Fachklinik für Psychosomatik und Verhaltensmedizin. Die Schwerpunkte der Einrichtung liegen in der Behandlung von Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, funktionellen Störungen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, nichtorganischen Schlafstörungen sowie Anpassungsstörungen im beruflichen und sozialen Bereich. Ein besonderer Schwerpunkt der Klinik ist die transkulturelle psychosomatische Rehabilitationsbehandlung in der Muttersprache der Patienten, in der kulturspezifische Aspekte von Krankheitsverständnis und Krankheitsverarbeitung Berücksichtigung finden. Die Klinik verfügt über 95 Betten und beschäftigt rund 70 Mitarbeiter.
Am MEDICLIN-Standort Donaueschingen befindet sich neben der Klinik am Vogelsang auch die MEDICLIN Seniorenresidenz Am Baar-Zentrum sowie das MEDICLIN Zentrum für Psychische Gesundheit Donaueschingen.
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Über MEDICLIN

Zu MEDICLIN gehören deutschlandweit 36 Kliniken, sieben Pflegeeinrichtungen und zehn Medizinische Versorgungszentren. MEDICLIN verfügt über knapp 8.350 Betten und beschäftigt rund 10.000 Mitarbeiter.

In einem starken Netzwerk bietet MEDICLIN dem Patienten die integrative Versorgung vom ersten Arztbesuch über die Operation und die anschließende Rehabilitation bis hin zur ambulanten Nachsorge. Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte arbeiten dabei sorgfältig abgestimmt zusammen. Die Pflege und Betreuung pflegebedürftiger Menschen gestaltet MEDICLIN nach deren individuellen Bedürfnissen und persönlichem Bedarf.

MEDICLIN – ein Unternehmen der Asklepios-Gruppe.

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In einem starken Netzwerk bietet MEDICLIN die integrative Versorgung vom ersten Arztbesuch über die Operation und die anschließende Rehabilitation bis hin zur ambulanten Nachsorge. Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte arbeiten dabei sorgfältig abgestimmt zusammen. Die Pflege und Betreuung pflegebedürftiger Menschen gestaltet MEDICLIN nach deren individuellen Bedürfnissen und persönlichem Bedarf. MEDICLIN ist ein großer Anbieter in den Bereichen Neurologie, Herzmedizin, Psychosomatik, Psychiatrie, Orthopädie sowie Geriatrie und bietet darüber hinaus hochspezialisierte Therapien, beispielsweise zur Behandlung von Patienten mit Adipositas, Diabetes oder Hörschädigungen.

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