Welt-Toilettentag: Schwimmende Toiletten verbessern Gesundheit und Klimaresilienz in Myanmar
Egal wo auf der Welt: jeder braucht das "stille Örtchen". In manchen Regionen der Welt muss es allerdings besonderen Herausforderungen standhalten - zum Beispiel wiederkehrendem Hochwasser, das in Zeiten des Klimawandels auch sehr unerwartet kommen kann. In Myanmar ist dies am Inle-See der Fall und die Kinderhilfsorganisation World Vision unterstützt die dort lebende Ethnie der Intha dabei, eine innovative Lösung zum Schutz der Gesunheit und der Umwelt einzuführen.
Das glitzernde Wasser des Inle-Sees in Myanmar, seit Generationen Heimat der ethnischen Gemeinschaft der Intha, steht im Zentrum einer tiefgreifenden ökologischen und gesundheitlichen Krise. Dieses UNESCO-Biosphärenreservat, in dem sich das Leben vieler Menschen in Stelzenhäusern auf dem Wasser abspielt, leidet unter schwerer Verschmutzung. Die jüngsten Naturkatastrophen haben die Lage noch verschärft, sodass dringend innovative und angepasste Sanitärlösungen erforderlich sind. Mit Unterstützung der internationalen Kinderhilfsorganisation World Vision wird jetzt an der Einführung von Toiletten mit widerstandsfähigen, schwimmenden Bio-Kläranlagen gearbeitet.
Das Ausmaß der Krise: Wasserknappheit, Fäkalien und Krankheiten
Die Lebensweise und der Lebensunterhalt der Intha hängen vollständig vom Ökosystem des Sees ab. Doch die Wasserqualität verschlechtert sich zunehmend: dazu tragen vor allem unzureichende sanitäre Einrichtungen, landwirtschaftliche Abwässer und unkontrollierte Abfallentsorgung bei. Der See ist zudem durch Sedimente flacher geworden und hat damit eine geringere Wasserspeicher-Kapazität; bei trockenem Wetter wird das Wasser knapp, bei starkem Regen kommt es schneller zu Überschwemmungen.

Studien zeigen durchweg hohe Konzentrationen von fäkalen coliformen Bakterien, insbesondere E. coli, die weit über den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegen. Das Gesundheitspersonal in den örtlichen ländlichen Gesundheitszentren bestätigt, dass durch Wasser übertragene Krankheiten ein großes Problem darstellen, wobei Hepatitis A besonders häufig auftritt. Für Frauen und Kinder, die am meisten auf sauberes Wasser angewiesen sind, sei die Situation besonders schlimm.
Wint Thu Thu Aung, die bei World Vision die Programme für Wasser-, Sanitär- und Hygiene-Versorgung in Myanmar fachlich betreut, nennt ein Beispiel für die gesundheitlichen Probleme: „Frauen in dieser Region leiden auch ohne Alkoholkonsum an Lebererkrankungen; dies ist auf Krankheiten zurückzuführen, die mit menschlichen Ausscheidungen in Verbindung stehen.“ Die Expertin kam zu dem Schluss: „Solange wir den Kreislauf des Kontakts zwischen menschlichen Abfällen und Wasser nicht durchbrechen können, werden Krankheiten wie Cholera, Hepatitis, Wurmbefall und Polio weiterhin eine Bedrohung darstellen.“
Klimawandel und Erdbeben vergrößern die Krise
Als im Oktober 2024 der Wirbelsturm Yagi zuschlug, wurden ganze Dörfer überflutet. In den Häusern der Intha brachen traditionelle Toiletten zusammen. Daw Myint, eine Anwohnerin des Inle-Sees, hat dies am eigenen Leib erfahren. „Wenn das Wasser steigt, wird es schwierig, die Toilette zu benutzen. Mit zunehmender Überschwemmung wird das Wasser unrein. Dies beeinträchtigt die Gesundheit von Kindern und Frauen.“ Durchfall und Hautausschläge kämen sehr häufig vor.

Das Erdbeben der Stärke 7,7, das in diesem Jahr die Gesundheitszentren lahmlegte, hat weitere kritische Schwachstellen der bestehenden Infrastruktur offenbart. Angesichts der Verwüstungen wandte sich das Gesundheitsministerium an verschiedene Organisationen, um eine katastrophensichere Lösung für die am Wasser lebenden Gemeinden zu finden. Die einzigartige, schwankende Beschaffenheit des Sees – abwechselnd trockenes Land und sechs Monate Überschwemmung – macht herkömmliche Sanitärsysteme unmöglich. World Vision – seit vielen Jahren mit Soforthilfen und Entwicklungsprojekten im Land engagiert - stellte sich der Aufgabe. Das Ergebnis ist ein bahnbrechendes Design für eine schwimmende Toilette mit Bio-Kläranlage.
Die schwimmende Toilette ist mehr als eine Notlösung
Wint erklärt das Konzept: „Unsere Priorität war es, ein benutzerfreundliches System zu entwickeln, bei dem Fäkalien nicht direkt ins Wasser gelangen.“ Herzstück der schwimmenden Toilette ist eine versiegelte Bio-Kläranlage, in der die Abfälle auf natürliche Weise zersetzt werden. Die Anlage ist so konstruiert, dass sie den dynamischen Bedingungen des Sees standhält. „Eine Kläranlage, die bei steigendem Wasserstand aufschwimmt und bei sinkendem Wasserstand absinkt, ist ein neuartiger Ansatz in Myanmar“, fügt sie hinzu. Die schwimmenden Toiletten wurden mit lokal verfügbaren Materialien unter Einbeziehung der lokalen Gemeinschaft entworfen. Dies fördert Eigenverantwortung, einfache Wartung und langfristige Nachhaltigkeit. Generell gilt für das Thema: Wenn Gemeinden bei der Gestaltung von WASH-Systemen (Wasser- und Sanitärversorgung sowie Hygiene) mitwirken, funktionieren diese besser und halten länger. Lokales Wissen stellt sicher, dass die Systeme den tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen, und die Verwendung lokaler Werkzeuge und Fähigkeiten erleichtert Reparaturen. Die Einbeziehung aller schafft Vertrauen, fördert die Hygiene und kann sogar Konflikte reduzieren.
Test-Installationen in einem ländlichen Gesundheitszentrum und einem nahe gelegenen Dorf erhielten schnell positive Rückmeldungen. Daw Myint, eine Einwohnerin des Test-Dorfes, ist zuversichtlich: „Diese Toilette ist ein Versprechen, dass unsere Kinder nicht jedes Mal krank werden, wenn es zu Überschwemmungen kommt.“ Sie merkt noch an: „Wenn es zu Überschwemmungen kommt, kann nur diese Art von Toilette Abhilfe schaffen. Deshalb habe ich dem Bau dieser Toilette zugestimmt.“ Ihr gefällt auch der Nutzen für die Umwelt. Entscheidend dafür ist, dass das Abwasser vor der Einleitung in den See behandelt wird. Die Technologie umfasst einen anaeroben Vergärungsprozess zum Abbau von Feststoffen, gefolgt von einer Filterung in drei Kammern. Tests gewährleisten, dass das gefilterte Abwasser die geltenden Umweltstands erfüllt. Der feste Abfall kann im Anschluss prinzipiell auch kompostiert werden.
Ein Modell für Gesundheit und Umwelt
Für das Gesundheitspersonal der Region ist das Modell einer schwimmenden Toilette ein wichtiges Instrument für Aufklärungs- und Bildungsarbeit. „Seitdem das Gesundheitszentrum diese Toilette gebaut hat, können wir sie nun als Beispiel nutzen, um sie anderen zu erklären und zu empfehlen“, sagt die Mitarbeiterin Moe. Sie betont die Vorteile für Frauen und Kinder. „Der Bau solcher Toiletten kommt vor allem Kindern zugute, da sie Darm- und Hautkrankheiten vorbeugen. Frauen können dadurch ihre persönliche Hygiene besser aufrechterhalten.“ World Vision-Exertin Wint glaubt, dass die Ausweitung dieses Projekts ein Schlüssel zur Wiederherstellung des Sees sein kann. „Wenn jeder Haushalt in Inle dieses schwimmende Toilettendesign übernimmt, wird die Gesamtverschmutzung reduziert“, sagt sie. Ihr Hoffnung ist auch, dass die Gemeinschaft der Intha dadurch besser Naturkatastrophen überstehen können. „Wenn die Menschen diese Toiletten benutzen, kann selbst bei einem Choleraausbruch die Infektionsrate gesenkt werden“, so Wint weiter. Das System koste zwar etwa genauso viel wie herkömmliche Konstruktionen anderswo (ca. 400 bis 600 US-Dollar), biete jedoch langfristig große Vorteile und unterstütze eine nachhaltigere Entwicklung.
Aus Sicht von World Vision ist die schwimmende Toilette aus diesen Gründen mehr als nur eine Notlösung, sondern ein skalierbares Modell für hochwassergefährdete Regionen in Myanmar und darüber hinaus. Die Skalierung erfordert jedoch mehr als nur ein gutes Design. Sie erfordert eine flexible Finanzierung, politische Unterstützung und das Bekenntnis zu langfristiger Resilienz.
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Die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision setzt sich seit mehr als 70 Jahren dafür ein, dass auch die am stärksten benachteiligten Kinder Schutz, Perspektiven und faire Chancen erhalten. Ob in Krisen, Katastrophen oder im entbehrungsreichen Alltag: World Vision arbeitet partnerschaftlich mit Gemeinschaften zusammen, hilft wirkungsvoll und über Grenzen hinweg. In rund 100 Ländern unterstützen Projekte nachhaltige Lösungen für Probleme wie Armut, Hunger, mangelnde Bildung oder unzureichende Gesundheitsversorgung. World Vision Deutschland e.V. hat im vergangenen Jahr 303 Projekte in 49 Ländern gefördert und damit insgesamt 16,77 Millionen Menschen unterstützt.